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Neuerscheinungen

Martina Clavadetscher Die Erfindung des Ungehorsams

Die Erfindung des Ungehorsams

Von Martina Clavadetscher

Liebevoll beschreibt die Schweizer Autorin die eigensinnige Hauptperson Ling. Zurückgezogen lebt diese in einer Stadt im Südosten Chinas. Tagsüber arbeitet sie konzentriert und engagiert in einer Sexpuppenfabrik, wo sie künstliche Frauenkörper auf Herstellungsfehler kontrolliert. Die Freizeit verbringt sie einsam in ihrer kleinen Wohnung, wo sie allabendlich den gleichen Film, eine klassische Liebesgeschichte, anschaut. Bis sie sich eines Tages entschliesst, selber eine Puppe zu bestellen um fortan nicht mehr alleine vor dem Fernseher zu sitzen. Dies, wie auch die zaghaften Annäherungsversuche des Fabrikportiers, verändern schlussendlich nicht nur Lings eigenes Leben...

Eine schräge Geschichte - behutsam und gleichzeitig kraftvoll.

Unionsverlag 2021, Fr. 31.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Juliane Pickel Krummer Hund

Krummer Hund

Von Juliane Pickel

Ein Jugendroman, ausgezeichnet mit dem <Peter Härtling Preis>. 

Der 15-jährige Daniel ist vor allem eins: wütend. Immer wieder hat er diese "Anfälle", bei denen er die Kontrolle verliert und zuschlägt. An seinen Vater kann er sich nur noch vage erinnern. Und seine Mutter verliebt sich immer wieder von neuem. Ihr neuster Freund ist ausgerechnet der Tierarzt, welcher Daniels Hund Altershalber einschläfern musste. Trotzdem beginnt er diesen Doc langsam zu mögen. Bis nach einer Party bei einem Schulkollegen ein tödlicher Autounfall geschieht und Daniel einen schrecklichen Verdacht hat...

Ein Buch das Licht hinter die Fassaden der Personen wirft. Vieles ist nicht wie es scheint. Sich verkopfen bringt auf Dauer wenig.

Eine Geschichte über Geduld, Mut und Ehrlichkeit. Und über erste Liebesgefühle.

Ab 14 Jahren.

Beltz & Gelberg Verlag 2021, Fr. 24.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Benedict Wells Hard Land

Hard Land

Von Benedict Wells

Dieses Buch zu lesen fühlte sich für mich an, als würde ich dabei zuschauen, wie jemand eine Collage aus vielen dünnen Seidenpapier-Stücken klebt. 

Jede Schicht Papier legt sich wie eine neue Facette auf Sams Leben, bzw. ergänzt seine momentane Situation: er ist fünfzehnjährig, seine Mutter ist krank, Freunde hat er – noch - keine, er wird Erwachsen… Rasant und trotzdem feinfühlig begleiten wir Sam einen ganzen Sommer lang und erleben wie er Freunde findet, wie er manchmal furchtbar wütend ist, traurig, glücklich, unsicher… Die Hauptfigur des Romans und auch alle Nebendarsteller sind mir ans Herz gewachsen, so menschlich sind sie beschrieben und so nah lässt uns Benedict Wells in diesem Roman an die Personen heran. 

Am Schluss ist eine überraschend vielschichtige, farbige, spannende, beruhigende Collage entstanden, die auch an die eigene Zeit der Pubertät erinnert…. Und mich schmunzeln liess. 

Viel zu schnell habe ich mich durch diese packende Geschichte gelesen. Vielleicht werde ich sie mir noch einmal zu Gemüte führen… diesmal etwas langsamer.

Diogenes Verlag 2021, Fr. 33.90

Simone Gabathuler

 
 
 

 
 
Laura Imai Messina Die Telefonzelle am Ende der Welt

Die Telefonzelle am Ende der Welt

Von Laura Imai Messina

"Eines Tages errichtet ein Mann am Fusse des Kujirayama, des Walberges, ganz in der Nähe der Stadt Otsuchi, im Garten seines Hauses eine Telefonzelle. Otsuchi gehört zu den Städten, die von dem verheerenden Tsunami des 11. März 2011 am schwersten betroffen war. Im Inneren der Zelle steht ein altes, nicht angeschlossenes Telefon, aus dem die Stimmen des Windes zu hören sind. Hunderttausende von Menschen pilgern Jahr für Jahr zu diesem Telefon." (S. 9) Menschen, die eine ihr nahestehende Person verloren haben.

Auf dem Hintergrund dieser Begebenheit spielt sich der Roman der italienischen Autorin, welche seit vielen Jahren in Tokio lebt.

Yui hat beim Tsunami Tochter und Mutter verloren. Takeshi seine Frau an einer Krankheit. Seine Tochter spricht seither nicht mehr. Die beiden lernen sich in Bell Gardia, dem Garten mit der Telefonzelle, kennen. Langsam gelingt es den beiden den Schmerz über den Verlust zu überwinden und sich der Freundschaft und Liebe zu öffnen.

"Ein Haiku des Herzens. Laura Imai Messina tauscht westliche Schnelligkeit und rosagefärbte Liebesszenen gegen bedeutungsvollen Minimalismus: ein Blick, ein Atemzug, eine Handbewegung." (Buchumschlag)

btb Verlag 2021, Fr. 31.00

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Megan Hunter Die Harpyie

Die Harpyie

Von Megan Hunter

Keine Lektüre für Zartbesaitete!

"Als Lucy erfährt, dass ihr Ehemann Jake sie betrügt, soll eine verhängnisvolle Abmachung die Beziehung retten: drei Mal darf Lucy Jake bestrafen. Wann und auf welche Weise, entscheidet sie. Ein gefährliches Spiel zwischen Rache und Vergebung entbrennt - und schliesslich erwacht eine Seite in Lucy, die schon immer tief in ihr geschlummert hat." (Buchrücken)

Ein Blick in bürgerliche Vorstadtgärten, hinter verschlossene Türen und ins Innere einer Mutter, die sich ihrer Rolle immer weniger gewachsen fühlt.

Psychologisch nachvollziehbar, beunruhigend, faszinierend.

C.H. Beck Verlag, 2021 Fr. 33.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Cho Nam-Joo Kim Jiyoung, geboren 1982

Kim Jiyoung, geboren 1982

Von Cho Nam-Joo

Aus den Frühjahrs-Novitäten war dies das erste Buch, welches mich total begeistert hat.

Es geht darin um das Leben der jungen Jiyoung. Wir erhalten einen eindrücklichen Einblick über den Stellenwert einer jungen Frau in der südkoreanischen Gesellschaft. Wie gelingt es eine gute Arbeitsstelle zu erhalten und diese zu behalten? Wie steht es um Liebesbeziehungen und Kinder?

Die Unterdrückung und Benachteiligung der Frauen im Roman ist kaum auszuhalten. Die Lektüre regt dazu an, den Vergleich mit unserer Kultur zu machen. Wie genau steht es mit der sogenannten Chancengleichheit bei uns wirklich?

Die Geschichte wird uns über den Psychiater von Kim Jiyoung berichtet.

Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2021 Fr. 27.90

Eduard Hirschi

 
 
 

 
 
Nahst Miyashita Der Klang der Wälder

Der Klang der Wälde

Von Natsu Miyashita

"Ein Roman voller Poesie über die alles verändernde Kraft der Musik und einen jungen Mann, der durch sie die Welt zum Klingen bringen will - wunderschön zart erzählt." (Buchrücken)

Die Eigenheit eines Klaviers herausfinden, den persönlichen Geschmack der Spielenden erkunden um daraus dann den geeigneten Klang zu erschaffen und das Spiel zum Leuchten zu bringen. Dies ist das Ziel des jungen Tomura, welcher eine Ausbildung als Klavierstimmer beginnt. Immer wider zweifelt er an seinen Fähigkeiten. Doch er bleibt dran!

Ein wunderschöner, langsamer und philosophischer Roman, welcher 2015 den japanischen Buchhändlerpreis erhielt und 2018 verfilmt wurde.

Insel Verlag, 2021 Fr. 30.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Hengameh Yaghoobifarah Ministerium der Träume

Ministerium der Träume

Von Hengameh Yaghoobifarah

Nasrin und Nushin fliehen mit ihrer Mutter von Teheran nach Deutschland. Der Vater sollte später nachkommen. 

Das Aufwachsen der beiden Schwestern in Lübeck in den 80er Jahren bildet den einen Erzählstrang. Der zweite Erzählstrang spielt sich 40 Jahre später ab, als Nasrin sich nach dem tödlichen Autounfall ihrer Schwester um deren Tochter im Teenageralter kümmern soll.

Vieles haben die beiden Schwestern gemeinsam gemeistert. Doch nun stellt sich heraus, dass es doch einige Geheimnisse gab... Nasrin versucht die Geschichte ihrer Schwester zu rekonstruieren und wird dadurch gezwungen, sich mit ihren eigenen "Kratern" in ihrem Leben auseinanderzusetzen. 

Ein moderner Roman mit Sogwirkung zu den Themen Migration, Gender, Rassismus, Jugend und Familie. Geschrieben in einer lebendigen und ausdrucksstarken Sprache.

"H. Y. packt den Kopf so voll mit Bildern und das Herz mit Gefühlen, dass man es kaum aushält." (Buchrücken)

Blumenberg Verlag, 2021 Fr. 33.90 

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Moritz Heger Aus der Mitte des Sees

Aus der Mitte des Sees

Von Moritz Heger

"Ein Kloster - Sehnsuchtsort für eine Auszeit. Und ein Ort, um die wesentlichen Dinge des Lebens zur Sprache zu bringen." (Buchumschlag)

Zwei jüngere Mönche in einem Benediktinerkloster an idyllischer Lage mit See. Andreas und Lukas. Abends treffen sie sich jeweils beim Schwimmen oder auf dem Steg. Andreas verliebt sich in eine Besucherin, verlässt das Kloster und gründet eine Familie. Lukas, der Zurückgebliebene, blickt auf sein Leben zurück... lässt sich auf eine neue Erfahrung ein... verbindet schwimmend Gedanken, Gefühle und Empfindungen... und trifft seinerseits immer wieder Entscheidungen.

"Vielleicht wäre es richtig so. Aber so ist es auch richtig. Es gibt mehrer Richtigs  für ein Leben, und letztlich ist es nicht entscheidend, wo man landet, sondern was man daraus macht." (S. 60)

Nebst einer wunderbaren Geschichte, erhalten wir Lesende auch einen Einblick ins Leben in einer Benediktinerabtei.

Sinnlich, humorvoll, feinfühlig, philosophisch, tiefgründig, langsam... wie Wellenbewegungen die kommen und gehen. Ein Buch das anregt, über sich selbst nachzudenken, über die eigenen "Weichen" im Leben, über Entscheidungen und vielleicht auch... über Wendungen die gerade anstehen.

Eine ermutigende Lektüre, welche aufzeigt, dass auch auf den ersten Blick Widersprüchliches nebeneinander bestehen und das Leben dadurch sogar bereichern kann.

Das Buch hat gute Chancen, mein Lieblingsbuch im 2021 zu werden!

Diogenes Verlag, 2021 Fr. 33.90 

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Rachel Joyce Miss Bensons Reise

Miss Bensons Reise

Von Rachel Joyce

"Zwei Frauen, zwei Lebensträume und ein mitreissendes Abenteuer." (Klappentext)

Margery Benson wächst im London während des Krieges bei zwei Tanten auf. Kurz vor seinem Tod, hat ihr Vater ihr in einem Naturkundenbuch den goldenen Käfer aus Neukaledonien gezeigt. Dieser, bis anhin lediglich in wenigen Schriften aufgeführte und nirgendwo konservierte Käfer, lässt Margery anschliessend nicht mehr los. Doch erst mit 50 Jahren, nimmt sie allen Mut zusammen, aus ihrem tristen Lehrerinnen-Dasein aus dem London der 50er Jahre auszubrechen.

Eine einzige Begleitung findet sie für ihre Expedition, die plauderhafte, junge Enid Pretty. Auch sie hat ein Geheimnis und hegt einen Traum. Von den beiden bis zu den letzten Buchseiten unbemerkt, werden die beiden von einer weiteren Person begleitet. Von Mr. Mundic, welchen Margery beim Vorsprechen für die Expedition ziemlich schroff abgewiesen hatte.

Zwei völlig unterschiedliche Frauen. Mit Widersprüchen und Stärken. Mit Ängsten und Träumen. Zu Beginn durch äussere Umstände vereint. Am Ende durch Freundschaft verbunden. 

Eine Abenteuergeschichte, ein Märchen, eine Tragikomödie. Schräg, schrill, bunt verwegen, abenteuerlich, übertrieben, humorvoll, tragisch, kurios, exotisch. Geschrieben mit trockenem englischen Humor.

Herzerwärmende, gute Unterhaltung!

Krüger Verlag, 2020 Fr. 31.00

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Iris Wolff Die Unschärfe der Welt

Die Unschärfe der Welt

Von Iris Wolff

7 Personen, 4 Generationen. Vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks verbinden sich ihre Lebenswege und -geschichten im Laufe des Romans. Im Zentrum steht dabei eine Familie aus dem Banat in Rumänien.

Zapada, Echo, Leviathan, Windwanderer, Makromolekular, Jupiter und Prestigio. So lauten die Titel der Kapitel, jedes geschrieben aus der Perspektive von einer der 7 Personen.

In achtsamer und poetischer Sprache führt uns die in Siebenbürgen geborene Schriftstellerin in die Gedanken, Gefühle, Ängste und Sehnsüchte der Menschen und verbindet auf stimmige Weise Verluste und Neuanfänge.

Ein Buch über Freundschaft, Ideale, Mut und Geduld.

"So schön hat noch niemand Geschichte zum Schweben gebracht." Stefan Kister (Buchumschlag)

Klett-Cotta Verlag, 2020 Fr. 31.00

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Bérengère Cournut Das Lied der Arktis

Das Lied der Arktis

Von Bérengère Cournut

Die französische Autorin erzählt eindrücklich vom Leben in der Arktis. Sieben Jahre lang hat sie dazu der Lebensweise und den Geschichten der Inuit nachgespürt.

"Der Mond leuchtet hell über der Arktis, als das Eis bricht und Uqsuralik von ihrer Familie trennt. Auf einen Schlag ist sie vollkommen allein in der ewigen Polarnacht. Ihr einziger Schutz ist ein Bärenfell, und sie weiss: Sie darf niemals stehen bleiben." (Buchumschlag)

Eine arachaisch kraftvolle und gleichzeitig poetische Geschichte über eine junge Inuitfrau, welche wir lesend bis ins Alter begleiten.

Ein Buch über Zusammenhalt, Intuition, Natur, Mythologie und Glaube. Die Lektüre lädt dazu ein, in ein anderes Leben einzutauchen und dadurch im eigenen  kurz inne zu halten und den Blick auf Wesentliches zu fokussieren.

Ullstein Verlag, 2020 Fr. 32.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Anna Burns Milchmann

Milchmann

Von Anna Burns

Ein Roman über den unerschrockenen Kampf einer jungen Frau um ein selbstbestimmtes Leben.

"Wie aus dem Nichts tritt eines Tages Milchmann, ein älterer Mann, ins Leben der jungen Frau, die nur Mittelschwester genannt wird. Er stellt ihr nach, scheint alles über sie zu wissen. Sein Interesse ist das Letzte, was die junge Frau gebrauchen kann. In dieser Stadt werden Urteile schnell gefällt. Besonders gegenüber Frauen. Sie hat schon genug damit zu tun, die Existenz von Vielleicht-Freund zu verheimlichen. Doch Milchmann ist hartnäckig." (Klappentext)

Angesiedelt ist die Geschichte dieser intelligenten 18-jährigen Frau im Belfast der 70er Jahre. Einer in zwei ideologisch-religiöse Lager geteilte Stadt, in welcher explosive Spannungen zum Alltag gehören. Die Protagonistin gerät zwischen die Fronten, obwohl sie alles Mögliche versucht, genau dies zu verhindern. Denn sie will sich von den gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht einengen lassen, sondern ihren eigenen Weg gehen.

Die Kraft des Buches liegt in der zwischen Witz und Verzweiflung pendelnden Sprache.

Intensiv, packend, schillernd, beklemmend, tiefgründig und ausdrucksstark. Unbedingt lesen!

Tropen Verlag, 2020 Fr. 37.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Dina Nayeli Der undankbare Flüchtling

Der undankbare Flüchtling

Von Dina Nayeli

"Neugier ist ein wirksames Korrektiv. (…) Um neugierig zu sein, braucht man keine Sachkenntnis, nur Interesse." 

Mit Sätzen wie diesem schafft es Dina Nayeri dass ich als Leserin innehalte, sie bringt mich zum Nachdenken, ich blättere zurück und lese Passagen noch einmal.

In ihrem Buch beschäftigt sie sich mit der Flüchtlingsfrage, beschreibt Geschichten von Geflüchteten und sie erzählt ihre eigene Geschichte als Migrantin aus dem Iran nach Amerika. Sie plädiert für mehr Offenheit, Vertrauen, Verständnis und Geduld gegenüber Flüchtlingen. 

Ihre Art, genau hinzuschauen, Fragen zu stellen und das eigene wie das Handeln anderer gegenüber Flüchtlingen ständig zu hinterfragen, haben mich genauso beeindruckt, wie die ehrliche Art wie sie ihre eigene Biografie beschreibt. 

Dina Nayeri gelang es, ein absolut lesenswertes und spannendes Buch über ein aktuelles und unbequemes Thema zu schreiben, in dem es um Assimilation geht von Flüchtlingen, über Würde, Dankbarkeit und Entwurzelung.

Kein & Aber Verlag, 2020 Fr. 33.90

Simone Gabathuler

 
 
 

 
 
Willem Elsschot Maria in der Hafenkneipe

Maria in der Hafenkneipe

Von Willem Elsschot

Ein wunderbares kleines Büchlein für die Vorweihnachtszeit.

Ein regennasser, kalter Wintertag. Da kommen dem Familienvater Laamans Abends auf dem Nachhauseweg drei afghanische Matrosen in die Quere und fragen ihn nach dem Weg zur Adresse von Maria, welche sie auf einer Zigarettenschachtel notiert haben. Wer ist "Maria"? Laamans vermutet eine Dame von zweifelhaftem Ruf, lässt alle seine Vorsätze fahren und begibt sich mit den Dreien auf die Suche. Am Ende haben sie zu ihrer eigenen Überraschung allerlei Glaubensrätsel und Kulturdifferenzen gelöst, für die andere mehr als ein Leben brauchen. 

"Ein Hafen, vier verlorene Seelen und eine unerwartete Begegnung in Brüderlichkeit." (Buchrücken)

Unionsverlag, 2020 Fr. 25.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Sylvain Prudhomme Allerorten

Allerorten

Von Sylvain Prudhomme

Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt: die, die bleiben, und die, die gehen.

Sacha sehnt sich nach Einsamkeit. Müde vom lauten Paris, zieht er in eine Kleinstadt, irgendwo in der Provence. Fernab von allem, zwischen Platanen und menschenleeren Plätzen, möchte er sich ganz dem Schreiben widmen. Doch dann trifft er auf einen alten Jugendfreund, den "Anhalter" - und der ist immer noch derselbe: Wie schon zu Jugendzeiten bricht er auf, ohne Vorwarnung, hängt sich ein Schild um den Hals - Nach Auxerre oder Nach Landes - und reist kreuz und quer durch Frankreich. Seine Frau Marie und sein Sohn Agustin bleiben alleine zurück. Aus Wochen des Wartens werden Monate. Sacha kümmert sich rührend um Agustin und knüpft ein immer engeres Band zu Marie.  (Klappentext)

Zwei Männer und eine Frau - drei völlig unterschiedliche Lebensentwürfe - und ein wunderbares Ende!

Eine zarte Geschichte über Sehnsüchte und die grosse Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht.

Unionsverlag, 2020 Fr. 33.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Frederic Zwicker Radost

Radost

Von Frédéric Zwicker

Der neue Roman des Rapperswiler Autors ist nun endlich da.

Das Buch erzählt von Fabian, der als Lokaljournalist seinen Job verliert. Was vielleicht das Beste ist, was ihm in dem Moment passieren konnte. Er lernt Max kennen, freundet sich mit ihm an und schreibt auf dessen Anfrage seine Biografie. Genau wie Jahre zuvor Max es getan hat, reist Fabian von der Schweiz nach Zagreb und weiter nach Sansibar. Er lernt Leute kennen, schliesst Freundschaften und versucht Max’ Geschichte von damals zu rekonstruieren. 

Zusammen mit Fabian erfahren wir wie ein psychisch kranker Mann sein eigenes und das Leben anderer durcheinanderwirbelt. In kurzen Kapiteln und zum Teil in schnellem Tempo werden wir mitgenommen auf einen Ritt durch eine ‘verrückte’ Lebensgeschichte.

Eine lohnenswerte Lektüre... zum Schmunzeln, Staunen und Nachdenken. - Mit Lokalkolorit für Ortskundige.

Zytglogge Verlag, 2020 Fr. 32.00

Simone Gabathuler, Eduard Hirschi, Monika Künzler

 
 
 

 
 
Patrik Svensson Das Evangelium der Aale

Das Evangelium der Aale

Von Patrik Svensson

"Wie viel kann man eigentlich über einen Aal wissen? Oder über einen Menschen? Es hat sich gezeigt, dass diese Fragen manchmal zusammengehören." (Buchumschlag)

Schwer einzuordnen ist dieses vielschichtige Buch. Sachbuch? Roman?...

Der schwedische Autor verknüpft darin einen Teil seiner Biografie mit dem rätselhaften Leben eines schwer fassbaren Tieres, dem Aal. Parallel lesen wir so die Entwicklung einer Vater-Sohn Beziehung und die Geschichte der Erforschung des Aals.

Vater und Sohn, welche sich vorwiegend Nachts beim Angeln näher kommen. Und   der Aal, dessen Wesen seit Aristoteles unzählige Wissenschaftler beschäftigt, ganze Küstenbevölkerungen ernährt hat und der heute vom Aussterben bedroht ist. 

Wer sich an den sich windenden Inhalt des Buches wagt, wird hineingezogen und immer wieder mit einem Wissens- oder Gedankenbissen belohnt.

Hanser Verlag, 2020 Fr. 33.60

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Marie-Hélène Lafon Die Annonce

Die Annonce

Von Marie-Hélène Lafon

"Landwirt, sanft, 46, sucht junge Frau, die das Land liebt"

Per Zufall sieht Annette, 37, alleinerziehend, in einer Industriestadt lebend, die Anzeige in einer Zeitschrift. Und reisst diese heraus...

Die Autorin lässt uns teilhaben an der langsamen, behutsamen Annäherung der beiden. Paul, der mit seiner Schwester und zwei Onkeln irgendwo abgelegen in der Auvergne einen Hof betreibt. Und Annette aus dem Norden Frankreichs, zusammen mit ihrem Sohn Éric.

Alle drei versuchen auf ihre Weise sich von Teilen ihrer Vergangenheit zu lösen und aus einengenden Strukturen auszubrechen.

Ein leises, sanftes, poetisches und gleichzeitig sehr ermutigendes Buch. Eine kleine, feine Buchperle aus dem Zürcher Rotpunktverlag.

Rotpunkt Verlag, 2020 Fr. 27.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Ann Patchett Das Holländerhaus

Das Holländerhaus

Von Ann Patchett

Ein facettenreicher Familienroman in dessen Mittelpunkt ein Haus steht.

Ein Geschwisterpaar wird nach dem Tod des Vaters von der Stiefmutter des Hauses verwiesen. Die eigene Mutter hatte die Familie schon vor Jahren verlassen. Der Vater tot, die Mutter unbekannten Aufenthaltes... das Holländerhaus war für die Geschwister das einzige was ihnen geblieben war und somit ein grosser Verlust. Noch als Erwachsene kehren sie regelmässig zu diesem zurück, parkieren auf der anderen Strassenseite und beobachten das Haus vom Auto aus. Für kurze Zeit kehren sie so in die Vergangenheit zurück, suchen nach Erklärungen und Zusammenhängen. 

Aus der Perspektive des Bruders erfahren wir in Rückblenden die Geschichte einer Familie.

Psychologisch gut nachvollziehbar und spannend zum Lesen.

Berlin Verlag, 2020 Fr. 33.60

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Verena Güntner Power

Power

Von Verena Güntner

"Eine faszinierende Parabel auf die Gegenwart, absurd, märchenhaft und radikal. Ein grosser Gesellschaftsroman über Macht und Niedertracht - und eine Kampfansage: So, wie es ist, kann es nicht weitergehen." (Buchumschlag)

Eine Dorfgemeinschaft im Ausnahmezustand. Alle Kinder haben sich in den Wald zurückgezogen. Dort suchen Sie mit allen Kräften und Sinnen nach Power, dem vermissten Hund einer Dorfbewohnerin. Angeführt werden die Kinder von der selbstsicheren und eigensinnigen Kerze, selbst noch fast ein Kind.

Mit Einfühlungsvermögen erzählt die Autorin was passiert, wenn eine Gemeinschaft den Kontakt zu ihren Kindern verliert.

Vielschichtig und spannend... und manchmal schwer auszuhalten.

DuMont Verlag, 2020 Fr. 33.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Monika Helfer Die Bagage

Die Bagage

Von Monika Helfer

"Das lebendige Porträt einer Frau am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts: Monika Helfer erzählt die berührende Geschichte ihrer eigenen Herkunft, sie erzählt von einer Familie, die von allen nur die Bagage genannt wird." (Buchumschlag)

Eine Familiengeschichte, erzählt aus der Sicht der Enkelin. Im Mittelpunkt steht die Grossmutter Maria. "Diese Geschichte beginnt nämlich, als meine Mutter noch nicht geboren war. Die Geschichte beginnt, als sie noch gar nicht gezeugt war. Sie beginnt an einem Nachmittag, als Maria wieder einmal die Wäsche an die Leine klammerte. Es war im frühen September 1914. Da sah sie den Postboten unten am Weg. Sie sah ihn schon von Weitem."

Die Bagage, das sind die Abseitigen, die Randständigen, die Armen. Ein starkes Familienportrait. Geschrieben auf eine lebendige, poetische Art und Weise. 

Ein berührender, liebevoller und gleichzeitig humorvoller Roman.

Hanser Verlag, 2020 Fr. 29.50

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Katya Apekina Je tiefer das Wasser

Je tiefer das Wasser

Von Katya Apekina

Keine "schöne" Geschichte, diese Geschichte über die Suche nach Grenzen und Individualität... in einem Roman der Grenzen verwischt.

Mehrmals wollte ich das Buch zur Seite legen, mehrmals habe ich mich gefragt, weshalb ich überhaupt weiterlese. Doch die Geschichte um die beiden Schwestern Edith und Mae hat mich fasziniert, sie hat mich wie einen Sog hineingezogen... ich musste einfach wissen, wie die beiden Mädchen bzw. Frauen ihr Schicksal gemeistert haben.

Aufgewachsen bei einer instabilen, fantasierenden Mutter, werden die beiden nach dem Suizidversuch der Mutter zu ihrem Vater, einem berühmten Schriftsteller, gebracht. Dies nach jahrelangem Kontaktabbruch. Für die eine bedeutet dies einen Verrat, für die andere die Chance eines Neubeginns.

Gekonnt führt uns die Autorin durch die Wirrnisse und vielschichtigen Facetten von einem Stück Zeitgeschichte (Kambodscha), von einer Familiengeschichte und von einer Liebesgeschichte.

Psychologisch, überwältigend, verstörend.

Suhrkamp Verlag, 2020 Fr. 37.40

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Judith W. Taschler Das Geburtstagsfest

Das Geburtstagsfest

Von Judith W. Taschler

Zwei Jugendlichen, Kim und Levi, gelingt in den 70er Jahren die Flucht aus Kambodscha. Die ersten Jahre leben sie in Österreich bei Ines und ihrer Familie.

Jahre später feiert Kim seinen 50. Geburtstag. Als Überraschungsgast haben seine Kinder Tevi eingeladen, welche mittlerweile in den USA lebt. Kim und Ines, inzwischen ein Paar, haben Levi seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Im Laufe des Geburtstagsfestes werden alte Wunden aufgebrochen, Lügen kommen ans Tageslicht...

Gekonnt führt uns die Autorin durch die Wirrnisse und vielschichtigen Facetten von einem Stück Zeitgeschichte (Kambodscha), von einer Familiengeschichte und von einer Liebesgeschichte.

Gute, spannende Unterhaltung mit überraschendem Ende!

Trömer Verlag, 2019 Fr. 34.10

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Adeline Dieudonné Das wirkliche Leben

Das wirkliche Leben

Von Adeline Dieudonné

Dieser Roman stand monatelang auf der französischen Bestsellerliste und war 2018 eines der Lieblingsbücher des Buchhandels in Frankreich.

Ein Buch, das man beim Lesen "aushalten" muss. Zart und roh, magisch und schmerzhaft, wunderschön und gleichzeitig verstörend.

"Eine Reihenhaussiedlung, wie es viele gibt. Am Waldrand, im schönsten und hellsten Haus, wohnt eine vierköpfige Familie. Ein Stück heile Welt, könnte man meinen. Wären da nicht die Leidenschaften des Vaters: neben TV und Whisky liebt er den Rausch der Jagd. Da er für einen Grosswildsafari aber selten Geld hat, befriedigt er seine Gier nach Macht meistens in den eigenen vier Wänden." (Buchumschlag)

In einer solchen Atmosphäre aufzuwachsen ist nicht einfach. Doch der jungendlichen Icherzählerin gelingt es durch ihre schlaue, sensible, sinnliche und willensstarke Wesensart, sich aus diesem Umfeld zu befreien.

Spannend wie ein Krimi, zart wie eine Liebesgeschichte.

Dtv Verlag, 2020, Fr. 27.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Thomas Röthlisberger Das Licht hinter den Bergen

Das Licht hinter den Bergen

Von Thomas Röthlisberger

Ein ruhiges, leises Buch... das beim Lesen jedoch Wellen erzeugt und in die Tiefe geht.

Ein Stück Schweizer Geschichte, er- und gelebt fernab der Ballungszentren in einem kleinen Bergdorf. Anne Schwarz, eine junge Voralbergerin, flieht 1939 über einen alten Säumerpass in ein bündner Hochtal. Der Dorflehrer Anton Marxer nimmt die Frau zu Beginn widerwillig auf und versucht ihren Aufenthalt vor der Dorfbevölkerung zu verheimlichen. Doch auf Dauer ist dies nicht möglich... und Anton Marxer wird zwischen bürgerlicher Pflicht und menschlichem Gewissen hin- und hergerissen.

"Eine Parabel über das Fremde - ein einfühlsamer Roman über erzwungene Migration, erzählt in einer bildkräftigen Sprache." (Buchumschlag)

Eine weitere Leseperle aus einem meiner Lieblingsverlage!

Edition Bücherlese, 2020, Fr. 31.20

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Charlotte Wood Ein Wochenende

Ein Wochenende

Von Charlotte Wood

Die jahrelange Freundschaft drei völlig unterschiedlicher Frauen um die 75 Jahre wird an einem Weihnachtswochenende auf die Probe gestellt.

Gemeinsam räumen die drei das Strandhaus der vor kurzem verstorbenen vierten Freundin. Dabei kommen nicht nur längst vergessene Gegenstände wieder ans Tageslicht...

Ein Roman über die Fülle weiblicher Lebensentwürfe und die verschiedenen Phasen lebenslanger Freundschaften.

Scharf gezeichnet, klug und witzig und mit viel Empathie für die einzelnen Personen erzählt.

Kein & Aber Verlag, 2020, Fr. 31.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Victor Jestin Hitze

Hitze

Von Victor Jestin

Eigentlich will der 17-jährige Léonard nicht sein, wo er ist. Auf diesem Campingplatz am Meer mit Eltern und Geschwistern. Alles spitzt sich ins Unerträgliche zu, als er fast am Schluss des Urlaubs auf einem Spielplatz Zeuge wird, wie sich der Jugendliche Oscar stranguliert. Léonard greift nicht ein, sieht ihn sterben und vergräbt den Leichnam in den Dünen.  

Später schleppt er sich durch die letzten Stunden seiner Ferien, durch Parties, Karaokesingen, Spielplätze, die heile Welt seiner Familie.  „Geniesst es, dass sind eure besten Jahre!“, schreit man ihm nach. Das gutgemeinte „Nächstes Jahr kommen wir wieder!“, klingt für ihn wie eine Drohung, die den Alptraum ins Unendliche zieht. Doch irgendwann ist der Urlaub zu Ende, die Abreise naht und Léonard...

Der Autor beschreibt die Unsicherheit von Léonard hervorragend. Eine fesselnde Lektüre die nachdenklich stimmt.

Kein & Aber Verlag, 2020, Fr. 26.90

Eduard Hirschi

 
 
 

 
 
Dave Eggers Die Parade

Die Parade

Von Dave Eggers

Tut man automatisch Gutes, wenn man Gutes tun will?

Zwei Strassenbauer, aus Sicherheitsgründen nur Nr. Vier und Nr. Neun genannt, werden von einer internationalen Baugesellschaft in ein von jahrelangem Bürgerkrieg gezeichnetes Land geschickt. Ihr Auftrag: mit einer modernen, leistungsstarken Asphaltiermaschine den armen Süden mit dem reichen Norden des Landes verbinden.

Nr. Vier hat ähnliche Aufträge schon viele Male erledigt und möchte auch diesen mit möglichst wenig Zwischenfällen schnell und korrekt erledigen um baldmöglichst zu seiner Familie in seine Heimat zurückzukehren. Für Nr. Neun ist es der erste Einsatz. Nr. Neun ist abenteuerlustig, offen für Land und Leute, hilfsbereit und in seiner Art naiv.

Die Tage vergehen, die Strasse wird länger und die Konflikte zwischen den beiden nehmen zu. Bis einer der beiden lebensbedrohlich erkrankt.

Beide kommen an ihre Grenzen und müssen sich am Ende fragen, ob sie der Bevölkerung mit dem lediglichen Erfüllen ihres Auftrages wirklich hilfreich sind.

"In <Die Parade> wächst die Angst mit jeder Seite und jeder Meile, und am Ende wird alles auf den Kopf gestellt und wir werden mitten ins Herz der Dunkelheit geführt." (Buchumschlag)

Eine fesselnde Lektüre die nachdenklich stimmt.

Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2020, Fr. 31.-

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Alexi Zentner Eine Farbe zwischen Liebe und Hass

Eine Farbe zwischen Liebe und Hass

Von Alexi Zentner

Ein glaubhaft und mitfühlend geschriebener Roman über Fanatismus, Loyalität und Zugehörigkeit. Erzählt anhand einer eindrücklichen Familiengeschichte aus der amerikanischen weissen Unterschicht.

Im Mittelpunkt steht der 17-jährige Jessup. Seine Familie ist Mitglied der Heiligen Kirche des Weissen Amerika. Dank seinem Ehrgeiz ist Jessup schulisch und sportlich erfolgreich; er kümmert sich liebevoll um seine jüngere Schwester und ist verliebt. In eine schwarze Mitschülerin. Durch einen tragischen Unfall, kurz vor dem Übertritt ins College, gerät sein Leben völlig ins Wanken. Ein schwarzer Footballspieler der Gegenmannschaft stirbt, Jessup wird verdächtigt. Durch dieses Ereignis wird er gezwungen, sich mit sich selber und seiner Umgebung auseinanderzusetzen: was glauben? wem folgen? wen lieben?

Eindrücklich und packend erzählt. Auch für junge Erwachsene sehr empfehlenswert.

Suhrkamp Verlag, Broschur, 2020, Fr. 27.30

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Abbie Greaves Hör mir zu, auch wenn ich schweige

Hör mir zu, auch wenn ich schweige

Von Abbie Greaves

Die Geschichte von Maggie und Frank - Die Geschichte einer innigen Ehe - Die Geschichte einer zermürbenden Elternschaft - Die Geschichte eines missglückenden Heranwachsens.

Die Hauptakteure des Romans sind eigentlich Geheimnisse. Diese werden uns Lesenden langsam, eines nach dem anderen enthüllt, so dass die Geschichte bzw. das Verhalten der einzelnen Personen schlussendlich einen Sinn ergibt.

Maggie und Frank. Beide über 60 Jahre alt. Frank hat seit 6 Monaten nicht mehr mit Maggie gesprochen. Den Grund dafür kennt Maggie nicht. Erst als Maggie durch ein tragisches Ereignis selbst verstummt, beginnt Frank seine Geheimnisse preiszugeben. Gleichzeitig findet er Maggie's Tagebuch mit Aufzeichnungen der letzten 6 Monate und erfährt seinerseits die Geheimnisse seiner Frau.

Ein Roman über das Rätsel der Liebe und die Macht von Reden und Schweigen.

Nachvollziehbar und berührend erzählt... so dass man als Lesende die einzelnen Personen manchmal gerne schütteln würde, weil ihr Verhalten schwer auszuhalten ist.

Fischer Verlag, Broschur, 2020, Fr. 24.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Chandler Baker Whisper Network

Whipser Network

Von Chandler Baker

"Vier Frauen, ein übergriffiger Chef - und nicht alle überleben. Ehrlich, zeitgemäss und unglaublich packend." (Buchumschlag)

Bei den ersten Seiten habe ich geschnödet... ein typischer amerikanischer Bestseller voller Stereotypen... doch dann hat es mich hineingezogen und ich habe die 480 Seiten verschlungen.

Drei Karrierefrauen ein der Rechtsabteilung einer grossen Sportbekleidungsfirma in Dallas. Gleichzeitig Freundinnen. Eine vierte, jüngere, kommt hinzu. Später eine fünfte, die Reinigungsfrau die in Spätschicht die Büros reinigt. Alle haben sie den Glauben verloren, dass ihre Stimmen in der hierarchisch strukturierten und von Männern dominierten Firma gehört werden. Gleichzeitig beteiligen sie sich alle auf die eine oder andere Weise an diesen Strukturen, wenn es um die eigenen Vorteile geht.  Und festigen die Strukturen somit. Bis eine der Frauen den Namen des Chefs auf die Liste setzt, welche heimlich unter den von Whisper Network berufstätiger Frauen weitergereicht wird. Auf die Liste mit den Namen der Männer, vor welchen Frau sich in der Arbeitswelt von Dallas hüten muss.

Kurz darauf wird die Lister veröffentlicht und die Ereignisse überstürzen sich. Es kommt zu einem Todesfall: Mord oder Suizid?

Ein Thriller auf dem Hintergrund der #MeeToo-Ära, der Muster und Abhängigkeiten aufzeigt wie auch die Schwierigkeiten diese zu durchbrechen.

Heyne Verlag, 2020, Fr. 31.00 

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Delphin de Vigan Dankbarkeiten

Dankbarkeiten

Von Delphin de Vigan

Ein zärtliches Buch über Menschlichkeit.

Michka, die stets ein unabhängiges Leben geführt hat, muss feststellen, dass sie nicht mehr allein leben kann. Geplagt von Albträumen glaubt sie ständig, wichtige Dinge zu verlieren. Tatsächlich verliert sie nach und nach Wörter, findet die richtigen nicht mehr und ersetzt sie durch ähnlich klingende. Dies führt manchmal zu komischen Versprechern. «Gehen Sie nach draussen?»  «Ja, ein bisschen, mit Marie. Einmal die Woche. Früher habe ich Balkonwanderungen gemacht, aber das schaffe ich jetzt nicht mehr.» «Balkonwanderungen?» «Ja, hin und schwer, wie ein Häftling ... Zehn Längen und manchmal sogar zwanzig, wenn ich gut in Form war.»

Die junge Marie, um die Michka sich früher oft gekümmert hat, bringt sie in einem Seniorenheim unter. 

Delphine de Vigan entwickelt ihre Geschichte abwechselnd aus den Perspektiven von Michka, Marie und dem Pfleger Jerome. Alle haben in ihrem Leben Verletzungen erlitten und Verluste erlebt. 

Der Roman spiegelt einfühlsam das Leben. Alter, Krankheit, Tod, Verletzungen und Verluste und auch die Bedeutung von Mitmenschlichkeit. Und er hinterlässt die Frage, wofür wir selber dankbar sein sollten und ob wir diese Dankbarkeiten auch genügend zeigen bzw. gezeigt haben.

„Dankbarkeiten“ ist ein Roman, wo ich dankbar bin, ihn gelesen zu haben. 

Dumont Verlag, 2020, Fr. 31.00 

Eduard Hirschi

 
 
 

 
 
Christopher Kloeble das Museum der Welt

Das Museum der Welt

Von Christopher Kloeble

Ein spannender Abenteuerroman auf dem Hintergrund von Indiens Kolonialzeit und aus der Perspektive eines klugen und selbstbewussten Waisenjungen aus Bombay.

Der äusserst intelligente, in einem jesuitischen Waisenhaus aufgewachsene 12-jährige Bartholomäus, spricht ebensoviele Sprachen, darunter auch Deutsch. Dies ermöglicht ihm, als Übersetzer für die deutschen Brüder Schlagintweit 1854 zu einer grossen Forschungsexpedition aufzubrechen und mit der Unterstützung von Alexander von Humboldt Indien und den Himalaya zu durchqueren.

Auf dieser Reise findet Bartholomäus vieles über sein Land heraus und er sehnt sich danach, das erste Museum Indiens zu gründen. Dafür sammelt er auf der Reise Objekte, Gefühle, Träume und Erinnerungen. Und erzählt uns anhand dieser ein Stück seiner eigenen Geschichte wie auch jener seines Landes.

Mit viel Witz und Menschlichkeit geschrieben, liest sich das Buch zugleich wie ein historischer als auch ein Abenteuer- und Spionageroman.  

dtv Verlag, 2020, Fr. 36.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Nick Hornby Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst

Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst

Von Nick Hornby

Eine Ehe in zehn Sitzungen. 

15 Ehejahre, die Beziehung steckt in einer Sackgasse und Tom und Louise machen bei Frau Kenyou eine Paartherapie. Tom ist Musikkritiker, arbeitslos, etwas bockig, schusslig… Louise ist Gerontologin, erfolgreich, taff und klug. 

Mittelpunkt des Buches sind nicht die Therapiesitzungen oder die Probleme in der Beziehung, sondern ein Pub, wo sich das Paar vor den Sitzungen trifft. Bei einem Pint und einem Glas Weisswein tauschen sie sich jeweils aus, dies in ironischem, sarkastischem und humorvollem Umgangston. 

«Das Problem ist: Die Ehe ist wie ein Computer. Man kann sie auseinandernehmen, um nachzuschauen, was drinsteckt, aber dann hat man hinterher hunderttausend Einzelteile in der Hand.»  

Die 10 kurzen Kapitel lesen sich «süffig», wie ein spannendes Drehbuch... ich habe es in einem Zug gelesen, denn ich wollte unbedingt wissen, was aus dem Paar schlussendlich wird.  

Kiepenheuer & Witsch, 2020, Fr. 27.90 

Eduard Hirschi

 
 
 

 
 
Im Garten von Monet Kaatja Verliere

Im Garten von Monet

Von Kaatje Vermeire

»Vielleicht verdanke ich es den Blumen, dass ich Maler geworden bin«, sagte Claude Monet. 

Kaatje Vermeire verdanken wir ein wunderschönes und farbenprächtiges Bilderbuch, das sich dem großen Meister der Natur- und Landschaftsmalerei nähert, ohne ihn zu imitieren. Monet ist auf jeder Seite anwesend - und doch findet Vermeire zu ihrem poetischen Text ihre ganz eigene Bildsprache. 

Für Gross und Klein ab 3 Jahren. 

Verlag Freies Geistesleben, 2020, Fr. 27.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Klaus Modick Leonard Cohen

Leonard Cohen

Von Klaus Modick

Um 1968 tingeln Lukas und Harry als Zwei-Mann-Band durch die deutsche Provinz, covern Beatles, Kinks und Donovan, und denken: Besser geht's nicht. Bis Lukas eines Nachts im Radio Leonard Cohens »Suzanne« hört, aber sich weder Titel noch Interpret merken kann... und auf die Suche nach dieser einen lebensverändernden Platte geht.  

«Lukas legte eine CD auf, «don’t dwell on what has passed away or what is yet to be –“, strich mit dem Zeigefinger über die Rücken von Cohens Büchern und zog das erste, das er gekauft hatte, aus dem Regal.» 

Eine wunderbare kurze Lektüre übers Erwachsenwerden. 

KiWi Musikbibliothek, 2020, Fr. 15.50

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Peter Zantingh Nach Mattias

Nach Mattias

Von Peter Zantingh

Ein sensibler Roman über acht unterschiedliche Personen, welche in irgendeiner Weise vom Tod von Mattias betroffen sind. Wie Puzzleteile fügen sich die Geschichten dieser Personen aneinander und geben uns Lesenden einen Eindruck über das Leben von Mattias. Über seine Begeisterungsfähigkeit, seine Wärme, seinen Mut. Aber auch über seine Sprachlosigkeit und seine Ausweichmanöver.

"Ein Roman der wachrüttelt und den Blick schärft für das, was wirklich von Bedeutung ist." (Klappentext)

Diogenes Verlag, 2020, Fr. 32.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Dort Dort Tommy Orange

Dort Dort

Von Tommy Orange

Ein Roman über Native Americans.

Der Autor Tommy Orange, geboren in Oakland, ist Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribe und lebt mit seiner Familie im Angels Camp in Kalifornien.

"Jacquie ist endlich nüchtern und will zu der Familie zurückkehren, die sie vor vielen Jahren verlassen hat. Dene sammelt mit einer alten Kamera Geschichten von indianischem Leben. Edwin sucht seinen Vater. Und Orvil will zum ersten Mal den Tanz der Vorfahren tanzen. Ihre Leben sind miteinander verwoben, und sie sind zum grossen Powwow in Oakland gekommen, um ihre Traditionen zu feiern. Doch auch Tony ist dort, und Tony ist mit dunklen Absichten gekommen." (Klappentext)

Feinfühlig und gleichzeitig kraftvoll und sehr lebendig sind die verschiedenen Personen beschrieben. Immer sind wir als Lesende ihnen sehr nahe und begleiten sie ein Stück. 

Vom ersten Kapitel an ist klar, dass am Ende des Buches am Tage des Powwow, etwas passieren wird. Unklar ist was. Die Spannung bleibt dadurch bis zum Schluss, bis sie sich in Schock wandelt.

Treffend beschreibt Marlon James diesen Erstlingsroman: Dort Dort kommt über uns wie ein Donnerschlag, mächtig und explosiv.

Hanser Berlin Verlag, 2019, Fr. 33.60

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Gianrico Carofiglio Drei Uhr Morgens

Drei Uhr Morgens

Von Gianrico Carofiglio

Die Geschichte einer Annäherung zwischen Vater und Sohn.

Für einen neurologischen Befund muss Teenager Antonio mit seinem Vater zu einem Arzt nach Marseille. Erst vor Ort erfahren die beiden, dass sie 48 Stunden nicht schlafen dürfen. In dieser Zeit lernen die beiden nicht nur Marseille bei Tag und bei Nacht, sondern sich auch gegenseitig völlig neu kennen. Denn zu Hause im Alltag haben Vater und Sohn wenige Berührungspunkte. Antonio lebt seit der Trennung der Eltern mit seiner Mutter und sieht den vielbeschäftigten Professorenvater nur selten. 

Ein berührend und gleichzeitig humorvoller Roman.

Folio Verlag, 2019, Fr. 31.00

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Susan Hill Die kleine Hand

Die kleine Hand

Von Susan Hill

Eine Gespenstergeschichte.   

England. Auf dem Lande. Es ist spät. Adam Snow, der mit wertvollen Büchern handelt, nimmt auf der Heimfahrt nach einem Kundenbesuch die falsche Abzweigung und findet sich vor einem alten verlassenen Haus wieder.  Neugierig steigt er aus und nähert sich dem verwilderten Anwesen, bis plötzlich eine kleine kalte Hand nach seiner greift... er steigt in sein Auto und fährt weiter. Zu Hause beginnt er nachzuforschen und erfährt immer mehr über das seltsame Haus. Immer wieder fühlt er auch den Griff der kalten Hand, der stärker und stärker wird...

Mit Gänsehaut-Garantie.

Kampa Verlag, 2019, Fr. 26.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Peter Weibel Schneewand

Schneewand

Von Peter Weibel

«Wenn wir jetzt gehen, sagte Leon, ist es noch möglich. Schon in einer, in zwei Stunden kann es zu spät sein.» 

Drei Personen werden auf ihrer Bergtour von einem Schneesturm überrascht und flüchten in einen Rettungscontainer. Fünf Tage würden sie dort überleben können, was danach kommt ist unklar. 

Eine Meditation über Solidarität, Hoffnung und Widerstand, eine Reise an existenzielle Grenzen.

Ein Buch wie ein Sog in die eigenen Tiefen...

Edition Bücherlese, 2019, Fr. 28.80

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Delia Owens Gesang der Flusskrebse

Der Gesang der Flusskrebse

Von Delia Owens

Neben <Alte Sorten> von Ewald Arenz ist das Debüt <Der Gesang der Flusskrebse> von Delia Owens mein zweites Lieblingsbuch im 2019.

Früh verlässt die Mutter von Kya ihre Kinder und lässt diese mit einem mehr ab- als anwesenden Vater alleine. Die älteren Geschwister gehen bald ihre eigenen Wege, so dass Kya auf sich selbst gestellt ist. Von allen "das Marschmädchen" genannt, wächst sie isoliert im Marschland von North Carolina auf. Ihre Welt ist die unmittelbare Umgebung. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze. Den Menschen bleibt sie mit wenigen Ausnahmen fern.

In bewegend schönen Bildern und poetischer Sprache erschafft die Autorin mit der wilden Kya eine unvergessliche Heldin. Der Roman ist zugleich eine Ode an die Natur, eine herzzerreissende Liebesgeschichte und ein spannungsreiches Gerichtsdrama um einen Mord.

Hanserblau Verlag, 2019, Fr. 32.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Lukas Meschik Vaterbuch

Vaterbuch

Von Lukas Meschik

Ein philosophisch-poetisches Buch, geschrieben mit Liebe zum Detail und feinfühligem Humor.

Die Ich-Person, ein Schriftsteller, verarbeitet schreibend den Tod seines Vaters. 

"Ein trauernder Sohn schreibt, beobachtet sich selbst beim Schreiben und Lesen - Handke, Knausgard, Foster Wallace, Kafka, Hermann -, sinniert über Tod und Vergänglichkeit, über das Leben und die Mitmenschlichkeit. Er erinnert sich an kostbare Details, bewahrt kleine Szenen, schaut auf seinen Vater, auf sich und auf ihre Beziehung zueinander und vebietet sich dabei Larmoyanz und Bitterkeit." (Klappentext)

Eine würdevolle und feinfühlige Auseinandersetzung mit dem Tod eines Elternteils.

Limbus Verlag, 2019, Fr. 27.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
joachim schnerf wir waren eine gute erfindung

Wir waren eine gute Erfindung

Von Joachim Schnerf

Der alte Salomon bereitet sich aufs Pessachfest vor. Am Abend werden seine beiden Töchtern mit Ehemännern und Enkelkindern zu ihm kommen. Es wird das erste Pessachfest seit Jahren ohne seine Frau Sarah sein. Denn diese ist vor wenigen Monaten gestorben.

In den verbleibenden Stunden vor dem Eintreffen der Familie, folgen wir Salomons Gedanken... wechselnd zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

"Wie die Erinnerung an Sarah, an das gemeinsame Glück, aber auch die schweren Zeiten bewahren? Wie dieser Familie mit all ihren Neurosen ein neues Zuhause geben?" (Klappentext)

Ein wunderbar feinfühliger Roman darüber was es heisst, angesichts von Verlust und Grauen der Vergangenheit (Salomon ist Auschwitz-Überlebender) die Familie und das Leben allgemein neu zu (er)finden.

Antje Kunstmann Verlag, 2019, Fr. 27.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Violaine Bérot Doppelbruder

Doppelbruder

Von Violine Bérot

Kein Buch für Zartbesaitete.

"Ich wollte ein Kind, das hatte ich neulich beschlossen. Ich wollte ein Kind. Ich hatte mir alles gut überlegt. Von den Kerlen hatte ich die Schnauze erst mal voll. Jetzt fand ich, war ich in einem Alter für die ernsten Dinge des Lebens." Von einem Fernfahrer lässt sich <Die Mutter> schwängern. Doch es kommt anders als geplant. "Zwei auf einmal! Dieser Dreckskerl hat mir zwei auf einmal gemacht! Ich wollte ein Kind, und soviel ich weiss, ist das für einen Typen kein Hexenwerk, einem Mädel ein Kind zu machen. Aber nein, der Kerl musste einen auf dicken Maxe machen und noch einen drauflegen. Zwei auf einmal..."

Und damit beginnt die tragische Geschichte. Denn die Liebesgefühle der Mutter reichen lediglich für ein Kind, für Titou. <Der Andere>, Titous Zwillingsbruder, vernachlässigt sie völlig. Bis Titou als Jugendlicher die erdrückende Liebe der Mutter nicht mehr aushält und sich mit dem <Anderen> verbündet.

"Meine Mutter glaubt, dass sie ein Recht auf eine zweite Chance hat, dass sie alles Knall auf Fall hinschmeissen kann, um neu und besser anzufangen. Sie hat nichts vom Leben verstanden." Dies die Worte von Titou am Ende des Buches.

Psychologisch durchdacht und mit starkem Sog. Wer sich auf die Geschichte, abwechselnd erzählt aus der Sicht aller Beteiligten, einlässt, wird das Buch bis zur letzten Seite in einem Zug lesen wollen...

Ein mutiges Buch aus einem kleinen Zürcher Verlag.

Pearlbooksedition, 2019, Fr. 27.50

Monika Künzler

 
 
 

 
 
martyna bunda das glück der kalten jahre

Das Glück der kalten Jahre

Von Martyna Bunda

Das literarische Debüt der polnischen Journalistin Martyna Bunda: eine starke, weibliche Familiensaga.

Im Zentrum des Romans steht Rozela, alleinerziehende Mutter dreier Töchter. Umwoben wird deren Geschichte mit den Lebensgeschichten dieser Töchter: Gerta, der Vernünftigen; Truda, der Lebenshungrigen und Leidenschaftlichen; Ilda, der Motorradfahrerin. Eingebettet in die Vor- und Nachkriegszeit Polens, begleiten wir als Lesende die vier völlig unterschiedlichen Frauen und nehmen an deren Leben im einem kaschubischen Dorf in der Nähe von Danzig teil. 

Es sind die präzisen und immer wieder auch humorvollen Alltagsbeschreibungen sowie der laufende Wechsel zwischen Bildern von Unschuld, Lebenshunger und Zerstörung, welche den Roman so lebendig machen. Erzählt wird die Geschichte in stetiger Abwechslung aus der Sichtweise der vier Frauen.

Suhrkamp Verlag, 2019, Fr. 37.50

Monika Künzler

 
 
 

 
 
simenon das blaue zimmer

Das blaue Zimmer

Von George Simenon

Wie viele Bücher Simenon tatsächlich geschrieben hat, ist nicht bekannt. Gemäss seinem Biografen Patrick Marnham sind es knapp 200 unter dem eigenen Namen und gute 200 unter Pseudonymen. Am bekanntesten sind wohl seine Maigret-Krimis.

<Das blaue Zimmer> erschien erstmals 1964 und wurde nun als eines von vielen Simenon-Taschenbüchern vom Atlantik Verlag neu herausgegeben.

In diesem Roman begleiten wir die Hauptperson Tony auf seinem Spiralweg nach unten, vom erfolgreichen Geschäftsmann und Familienvater... bis es keinen Ausweg mehr für ihn gibt. Die Geschichte beginnt mit einem Treffen von Tony mit seiner Liebhaberin Andrée im blauen Zimmer eines Hotels in einer französischen Provinzstadt und endet in einem Gerichtssaal.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Weshalb, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht, weil es einfach zu lesen und die Geschichte gut konstruiert ist, vom Anfang bis zum Schluss eine leichte Spannung und eine sich immer wieder verschiebende Sympathie und Antipathie für die verschiedenen Personen vorhanden war. Vielleicht auch, weil es Simenon gelungen ist, die Geschichte einer dramatischen Obsession völlig undramatisch zu schildern und sie wahrscheinlich gerade deshalb "unter die Haut geht".

Atlantik Verlag Tb, 2019, Fr. 17.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
saskia luka tag für tag

Tag für Tag

Von Saskia Luka

Grossmutter, Mutter, Tochter. Drei starke, eigensinnige Frauen leben für kurze Zeit unter einem Dach.

Maria, als junge Frau nach Deutschland gezogen, holt ihre alte Mutter Lucia aus ihrem abgelegenen Dorf in Kroatien zu sich nach Bayern. Durch das neue Zusammenleben gelangen die von Maria hart erarbeiteten Integrationsleistungen und Wertvorstellungen ins Wanken. Gleichzeitig beginnt die 17-jährige Tochter Anna sich intensiv mit ihren eigenen Wurzeln, dem Herkunftsland Kroatien und dessen Sprache auseinanderzusetzen.

Was ist Heimat?

Eine Liebeserklärung ans Leben mit all seinen Wirrungen und Wendungen.

Kein & Aber Verlag, 2019, Fr. 28.90

Monika Künzler

 
 
 

 
 
robert prosser gemma habibi

Gemma Habibi

Von Robert Prosser

Lorenz studiert in Wien im Nebenfach Kultur- und Sozialanthropologie. Angeregt durch die Lehrveranstaltung <Einführung in den Islam>, entscheidet er sich in den Semesterferien nach Syrien zu reisen. In einem Hostel in Damaskus lernt er zwei Personen kenne, welche in seinem Leben immer wieder eine wichtige Rolle spielen werden: Elena und Z. Elena, eine deutsche Fotografin, die sich durchs Fotografieren weltpolitischer Geschehnisse den Schritt in die Selbständigkeit erhofft. Z, Rezeptionist des Hostels und leidenschaftlicher Hobbyboxer.

Als Lorenz ein halbes Jahr später fürs Semester zu qualitativen Forschungsmethoden ein soziales Umfeld aussuchen muss in dem Menschen diverser Herkunft zusammentreffen, entscheide er sich für einen Boxclub. Von der Welt des Boxens fasziniert, beginnt er selber mit dem Boxen. Er trainiert, willö es bis zur Meisterschaft schaffen. Zwischendurch begleitet er immer wieder Elena auf ihren Reisen in Krisengebiete.

Kurdistan, Wien, Ghana: Drei Welten, drei Leben, drei Runden im Boxring.

"Ein fulminantes Porträt der Jetztzeit." (Klappentext)

Ullstein Verlag, 2019, Fr. 33.60

Monika Künzler

 
 
 

 
 
roswitha ziegler es war doch nur sex

Es war doch nur Sex

Von Roswitha Ziegler

15 völlig unterschiedliche Kurzgeschichten über Liebe und Erotik... über Sehnsuchtsgefühle die das Alltagsleben würzen, aber auch vereinnahmen können. Erzählungen übers Hoffen, Sich-einlassen und Enttäuschen. Übers Aufflammen, Lodern und Erlöschen. Übers Festhaltenwollen und Loslassenmüssen. - Vom Jüngling bis zur alten Dame, von der jungen Frau bis zum älteren Herrn.

In knapper, präziser und doch verspielter Sprache beschreibt die deutsche Autorin ihre Hauptpersonen. Feinfühlig, tiefgründig und augenzwinkernd  behandelt sie eines der Grundthemen des Menschen.

Kurz, prägnant und äusserst menschlich! Eine Trouvaille aus dem kleinen, feinen Bieler Verlag.

verlag die Brotsuppe, 2019, Fr. 25.00

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Arif Anwar Kreise ziehen

Kreise ziehen

Von Arif Anwar

Ich liebe Geschichten, die aus verschiedenen Erzählperspektiven ein Ganzes ergeben. In diesem Roman folgen wir dem Schicksal verschiedener Personen von 1942 bis 2004. Wir erfahren die ganze Komplexität der Geschichte von Indien.

Die Hauptperson der Gegenwart 2004 ist der Doktorand Shahryar aus Bangladesch, der in der USA eine Tochter hat aber kein Visum bekommt für einen längeren Aufenthalt. Seine Wurzeln liegen im Golf von Bengalen in einem armen Fischerdorf von Bangladesch, wo  1970 der gewaltige Bhola-Zyklon das Land verwüstet hat. Die Ausgangslage des Romans ist eine Fischersfrau, die versucht, sich vor diesem Sturm zu retten.

Arif Anwar´s Schreibweise ist nicht linear und das macht es zu einem intensiven und fesselnden Leseerlebnis. Die offenen Enden der Kapitel erschließen sich mit der Zeit zu einer hoffnungsvollen Auflösung. Die präzise und bildliche Sprache beschreibt die Urkraft der Natur und das Zusammenspiel mit den menschlichen Charakteren, ein Kunstwerk in vielerlei Hinsicht! Der Autor ist ein Naturtalent, für sein Debüt gebe ich ihm meine persönliche Bestnote!

Wagenbach Verlag, 2019, Fr. 37.40

Katharina Corchia

 
 
 

 
 
Friedemann Karig Dschungel

Dschungel

Von Friedemann Karig

Als sein bester Freund Felix auf einer Reise in Kambodscha spurlos verschwindet, folgt ihm der Held dieses rasanten Romans in den Dschungel - und zurück in die Kindheit.

Ein Roman übers Erwachsenwerden und den Sinn des Lebens. Übers Reisen durch die eigene Innenwelt und in ferne Länder. Übers Wahrnehmen und Ausloten von Grenzen, übers Loslassen, Sichverlieren und Ankommen.

Eine neue Art von Reise- und Abenteuerroman.

Ullstein Verlag, 2019, Fr. 33.60

Monika Künzler

 
 
 

 
 
Carys Davies West

West

Von Carys Davies

Ein stimmiges Titelbild, das neugierig macht!

Cy Bellmann ist ein einfacher Siedler und Witwer aus Pennsylvania (1815). Er ist fasziniert von einem Zeitungsausschnitt, in dem die Rede ist von gigantischen Knochen, die in einem Sumpf von Kentucky gefunden wurden. Nun will er dorthin aufbrechen, weil er überzeugt ist, solche Mammutkreaturen lebend anzutreffen. Dafür lässt er seine zehnjährige Tochter Bess in der Obhut ihrer ruppigen Tante zurück mit dem Versprechen, nach 1-2 Jahre wieder nach Hause zu kommen.

Was macht diese Geschichte so einzigartig? Es ist die schlanke und kraftvolle Sprache, die abwechslungsweise die abenteuerliche Reise von Cy in den tiefen Westen  beschreibt und die Welt der alleingelassenen Bess, die in dieser Zeit zu einer jungen Frau heranwächst. Es ist eine Geschichte voller Hoffnung aber auch voller Entbehrungen. Werden die vielen Briefe, die Cy schreibt bei Bess ankommen, oder was passiert mit den Gegenständen der verstorbenen Frau von Cy, die er mitgenommen hat als Tausch für die Indianer? 

Lest diese fesselnde Geschichte und ihr werdet begeistert sein!

Luchterhand Verlag, 2019, Fr. 31.00

Katharina Corchia

 
 
 

 
 
Ein liebendes Tier Josephine Rowe

Ein liebendes, treues Tier

Von Josephine Rowe

"In ihrem mitreissenden Debüt erzählt Josephine Rowe von einer Familie, die nicht mehr die Kraft aufbringt, sich gegen das Unheil zu stemmen, das sie sich selbst zufügt." (Klappentext)

Eine abgelegene Kleinstadt im Südwesten Australiens, Anfang der Neunzigerjahre. Eine Mutter, ein Vater, zwei Töchter und ein Onkel. Durch den knappen aber liebevollen Schreibstil, sind wir Lesende den Figuren des Romans so nah, dass das Geschriebene manchmal schwer auszuhalten ist.

Ein Roman über Liebe und Verlust, über die zerstörerische Kraft nichtbehandelter Traumatas, über enttäuschte Träume, übers Anpassen, Ausbrechen und Überwinden.

Psychologisch nachvollziehbar, tiefgründig, kraftvoll, poetisch.

Liebeskind Verlag, 2019, Fr. 31.00

Monika Künzler

 
 
 

 
 
ewald arenz alte sorten

Alte Sorten

Von Ewald Arenz

Die Geschichte birgt einen Zauber, dem man sich nicht entziehen kann! Ich habe selten  ein Buch gelesen, in der die Natur so intensiv und sinnlich beschrieben wird. Ebenso schafft es der Autor meisterhaft, die unterschiedlichsten Gefühle der beiden Protagonistinnen in Worte zu fassen.

Zur Handlung: Die Bäuerin Liss trifft in ihrem Weinberg auf die siebzehnjährige Sally. Sally hat eine grosse Wut im Bauch und ist aus der Psychiatrie geflohen. Die alleinstehende und wortkarge Liss nimmt Sally mit auf ihren Hof, wo sie bleiben darf. Durch die Arbeit und die Natur findet Sally langsam wieder zu sich selbst und es entsteht eine zarte Freundschaft zwischen den Frauen. Eine Freundschaft, an der Liss an ihre Grenzen kommt. Verletzungen und Erinnerungen von früher werden wieder wach. Die Lage spitzt sich zu, auch bei Sally, als ihre Eltern auftauchen...

Die Faszination an dieser Geschichte liegt in der Beschreibung, wie sich diese Freundschaft sachte und einfühlsam entwickelt. Parallel dazu spüren, riechen und sehen wir die Natur in ihrer vollen Pracht. Ein Lesegenuss pur!

Dumont Verlag, 2019, Fr. 31.00

Katharina Corchia

 
 
 

 
 
raffaella romagnolo bella ciao

Bella Ciao

Von Raffaella Romagnolo

Zurzeit werden viele italienische Autorinnen übersetzt, die die Familiengeschichten mit den historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts verknüpfen: Elena Ferrante, Francesca Melandri und neu Raffaella Romagnolo. Es sind Geschichten, die ein faszinierendes und authentisches Bild der italienischen Gesellschaft jener Zeit widerspiegeln.

Zum Roman: 

1946 kommt Giulia Masca nach fast 50 Jahren in ihr Heimatdorf im Piemont zurück und erinnert sich in Rückblenden an ihre schwierige Kindheit und Jugendzeit. Sie ist in jungen Jahren mit wenig Geld «Hals über Kopf» nach New York geflüchtet, da ihre beste Freundin sie hinterging. Jetzt als ältere Frau möchte sie ihrer Freundin von damals nochmals begegnen.

Äusserst differenziert und sprachgewaltig werden die politischen Unruhen Italiens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschildert. Es sind Geschichten einer Arbeitergeneration, die aus der Sicht der Familienmitglieder erzählt werden. Gleichzeitig erfahren wir durch die Auswanderung von Giulia, unter welchen Umständen die italienischen Auswanderer in Amerika versuchen, ein neues Leben aufzubauen.  Die Erzählstruktur und die vielen Personen machen die Lektüre anspruchsvoll, das Leseerlebnis macht es umso intensiver.

Diogenes Verlag, 2019, Fr. 35.90

Katharina Corchia